Geschlechtergerechtigkeit: Weihnachten ist Wandlung.

Weihnachten und der * von Bethlehem

Der * von Bethlehem ist der * von David und Jonathan und von Venus, Maria und Fatima und von Dir.

Plakat in Me'a Sche'arim, Jerusalem: Hier leben chassidische und nichtchassidische Jüd*innen, die sich streng an traditionelle Auslegungen der Torah halten und diese einfordern.
Plakat in Me'a Sche'arim, Jerusalem: Hier leben chassidische und nichtchassidische Jüd*innen, die sich streng an traditionelle Auslegungen der Torah halten und diese einfordern.

Tradition

Me'a Sche'arim ist eine der ältesten jüdischen Neustadtsiedlungen in West-Jerusalem. Das Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Viertel grenzt an Sheikh Jarrah, einer zeitgleich gewachsenen muslimischen Nachbarschaft Ost-Jerusalems. Das arabische Ost-Jerusalem und die israelisch besetzten palästinensichen Autonomiegebieten sind eine plan:g-Projektregion.

In Me'a Sche'arim halten sich die Menschen besonders strikt an traditionelle Auslegungen der Torah und an Gebote, die seit Jahrhunderten, teilweise seit Jahrtausenden befolgt werden. Was können Christ*innen heute vom jüdischen Umgang mit Tradition und von observant gelebtem Glaubenstun lernen? In einer Zeit, in der maßloses Wachstum die Erde über ihre planetaren Grenzen stößt? „Observare“ bedeutet „beobachten, beachten, einhalten“ und ist zu allen Zeiten Aufgabe der Kirche. Dabei haben etwa die Trappist*innen (Zisterzienser*innen strengerer Observanz) oder Franziskaner*innen jeweils sehr eigene Wege geprägt.

Zu seiner Zeit konfrontierte Jesus die Pharisäer immer wieder mit den dunklen Seiten einer buchstabentreuen Schriftbefolgung (z. B. Lk 11,38). Gleichzeitig betont Christus, das Gesetz nicht zurücknehmen zu wollen (Mt 5,18). Christus kritisiert die Pharisäer nicht bloß: Er setzt sich mit ihnen auseinander. Er versteht ihre Motivation.

In Me'a Sche'arim wird die Pluralität des modernen Judentums erfahrbar. Die Menschen in Me'a Sche'arim verstehen sich als Hüter*innen eines gottgefälligen Lebens; eben nicht als fromme Faulenzer, sondern als Bewahrer*innen eines in der Gottesbeziehung beharrlichen Judentums. Das ist ein Wert. 

Konflikt

Damit geraten Viele in Me'a Sche'arim in Konflikt zum modernen Israel, zu säkularen und besonders zu reformorientierten Jüd*innen. Vor allem zu Frauen. Weil sich der Glaube der Menschen in Me'a Sche'arim machtpolitisch instrumentalisieren lässt, kommt es verstärkt zur Landnahme mit Siedlungen und zu Konflikten mit den muslimischen Nachbar*innen in Sheikh Jarrah.

Hüter*innen von Tradition gibt es in jeder Religionsgemeinschaft. Selten reichen die Bezüge so weit in die Vergangenheit wie im Judentum. Scheinbar „traditionelle“ Gruppierungen im Hindu-Traditionalismus, im Islamismus und auch im fundamentalistischen Christentum (von Priesterbruderschaft St. Pius X  bis evangelikal) sind zumeist viel neueren Datums: Fundamentalistische Bewegungen beziehen sich zwar auf Tradition, reagieren faktisch aber auf die sie überfordernden Erschütterungen der Moderne. 

In welchen Traditionen leben Christ*innen? Vor dem Hintergrund welcher Konflikte? Was erwachsen daraus für Glaubenssätze? Und wie liebevoll und wertschätzend (oder: hartherzig und engführend) sind diese Glaubenssätze dann? Beachten wir Glaubensregeln für uns, oder wollen wir sie anderen vorschreiben? Was hat das mit politischer Instrumentalisierung und Macht zu tun? Wie gehen Christ*innen heute mit unseren vielen, im zwischenkonziliaren Katholizismus des 19. Jahrhunderts oft verschütteten Glaubensbezügen zum Judentum und zum Islam um?

Der * von Bethlehem verändert

Dass Jesus in Bethlehem (hebräisch: beit lehem, „Haus des Brotes“; arabisch: beit laham, „Haus des Fleisches“) geboren wurde, ist eher unwahrscheinlich. Der Geburtsort Jesu – im Stall und in einer Flüchtlingsfamilie – ist weniger geographische Aussage als vielmehr theologische Wahrheit. Gott ist bei den Armen und Vertriebenen, immer. Er ist bei allen Menschen.

Er? Hat Gott ein Geschlecht?

Jesus ist ein Mann, geboren im Haus des Brotes. Wo Brot gebrochen wird, wird geteilt. Und im Teilen ist Gott: Am Anfang der Liebe steht das genaue Hinsehen. Wie sieht die Bibel den Menschen? Die Schöpfungsgeschichte erzählt von der Schaffung des Menschen als männlich und weiblich, nach göttlichem Ebenbild (Gen 1,28). In Gott und im Menschen ist Weibliches, Männliches und Liebe. Die Bibel kennt noch eine zweite Schöpfungsgeschichte, in der Gott die Frau aus einer Rippe formt (Gen 2,22).

Die Schöpfungsberichte unterscheiden sich.

Wer die heiligen Schriften wortwörtlich als welterklärende Betriebsanleitung liest, kommt schon bei den unterschiedlich erzählten Schöpfungsgeschichten ins Schleudern. Die Doppelerzählungen im Ersten und Zweiten Testament laden dazu ein, Perspektiven zu hinterfragen und zu wechseln. Damit legt die Bibel keine Rollen fest, sondern fordert uns auf, Gesellschaft gerecht zu gestalten. Weder Gottvater noch Gottsohn begründen die Vormachtstellung von Männern in der Gesellschaft. Auch nicht in der Kirche oder der Medizin. Das wird in unserer Kirche, aber auch im Gesundheitsbereich oft übersehen.

Der Glaube an den Einen Gott (oder den allwissenden Arzt) gibt Geborgenheit. Jeder Glaube kann missbraucht werden, um in scharfer Abgrenzung zu anderen Identität zu gewinnen und ungerechte Strukturen zu verteidigen. Die Rechtfertigung von Geschlechterungerechtigkeit ist ein bekanntes Beispiel dafür.

Im Gesundheitssektor können Geschlechterungerechtigkeiten tödlich sein. Das gilt nicht nur in Bethlehem oder in anderen weit entfernten Orten in Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit. Es gilt auch für uns in Europa: Im Oktober 2019 stellte eine Studie der Universität Edinburgh (DOI: 10.1016/j.jacc.2019.07.082) neuerlich fest, dass bei Männern mit heftigen Brustschmerzen die korrekte Herzinfarkt-Diagnose doppelt so häufig gestellt wird wie bei Frauen. Grund: Dem Schmerzempfinden von Frauen wird nicht nur in unserer Kultur weniger geglaubt. Infarkt-Patientinnen werden zu oft mit Bauchweh oder Angststörungen fehldiagnostiziert. Das ist auch in Palästina so.

Genderforschung ist gut biblisch

Darum ist es gut, dass es mittlerweile auch in Österreich Lehrstühle gibt, die sich mit Gendermedizin, d.h. mit der geschlechtsspezifischen Erforschung von Gesundheit befassen. Dort wird z.B. untersucht, in welchen Dosierungen Patient*innen welche Schmerzmittel vertragen. Vor allem geht es um das soziale Umfeld und um das durch Rollenzuschreibungen zugewiesene Geschlecht (englisch: „gender“). Es geht in den heiligen Texten um die Annäherung an das, was und wer Mensch und Gott sind und in welcher Beziehung sie zueinander stehen.

Weil christlicher Glaube Beziehungsgeschehen ist, achtet plan:g auf eine geschlechtergerechte Sprache. Seit 2015 nutzen wir den sogenannten Gender-Stern. Manchen Leser*innen erscheint das ungewohnt. Aber beim Teilen geht es nicht darum, Brotkrumen wegzugeben und die eigene Sicht auf die Welt zu festigen: Liebe erfordert Hinschauen und Bereitschaft zur eigenen Veränderung, nicht die Bestätigung der eigenen Überlegenheitsgefühle.

Weil christlicher Glaube Beziehungsgeschehen ist, geht es um die Beziehung des Menschen zu Gott auch in der Welt. Papst Franziskus spricht mehrfach von einem fehlgeleiteter Anthropozentrismus als Anlass eines fehlgeleiteten Lebensstils (EG 55, LS 122), der Ursache für die Zerstörung der Erde durch Verschmutzung und Ungerechtigkeit ist. Das naturwissenschaftlich-theologisch immer genauere Verständnis des Menschseins ist für die Entwicklung der Kirche und ihrer Moraltheologie wesentlich (vgl. www.plan-g.at/regenbogen).

Gendersensible Arbeit und Intersektionalität

Das Projektblatt zur Weihnachtsaussendung 2019 erzählt, wie wir mit geschlechtersensibler Arbeit und mit Ihrer Hilfe Familiengesundheit in Palästina stärken und warum Geschlechtergerechtigkeit dabei zentral wichtig ist.

Dabei arbeiten wir mit dem Konzept der Intersektionalität. Der Intersektionalitäts-Stern zeigt Ausgrenzung aufgrund sich überlappender Faktoren: Eine (1) körperlich beeinträchtigte, (2) staatenlose, (3) muslimische, (4) nicht-heterosexuelle (5) Frau mit (6) Wohnsitz in Ost-Jerusalem hat einen deutlich schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung als ein säkularer, männlicher IT-Spezialist in Tel Aviv, der dieselbe körperliche Beeinträchtigung hat. Das liegt auch, aber nicht nur am besseren Verdienst des IT-Spezialisten („lieber reich und gesund als arm und krank“).

Der o.g. wikipedia-Artikel macht die Komplexität deutlicher: Ein gehbehinderter Obdachloser wird „gegebenenfalls nicht nur als Obdachloser und als Gehbehinderter diskriminiert, sondern er kann auch die Erfahrung machen, als gehbehinderter Obdachloser diskriminiert zu werden d. h. er erfährt Formen der Diskriminierung, die weder ein Nichtbehinderter Obdachloser noch ein (Geh-)Behinderter mit festem Wohnsitz erfährt.“

Beim Konzept der Intersektionalität geht es also nicht um eine Zuordnung von Attributen, um Festlegungen oder um irgendeine eine Art von „Schubladisierung“. Die Skizze intersektionaler Ausgrenzung in Österreich zeigt, wie komplex Gesundheit in Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit ist und wie vielfältige Diskriminierungserfahrungen zu überwinden sind.

Weihnachten will Wandlung

Weihnacht will Wandlung und keine Engführung. Es geht um die Überwindung von Schubladen, um Freiheit. Auf die Mechanismen genderpolitischer Engführungen durch Christ*innen weist das  Europäische Parlamentarische Forum für Bevölkerung und Entwicklung (European Parliamentary Forum on Sexuality and Development, EPF) hin.

Das EPF ist eine der anerkanntesten Organisationen zum Thema Sexualität und Entwicklung. Das EPF ist ein Netzwerk von europäischen Parlamentarier*innen, die sich für den Schutz der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte der verletzlichsten Menschen auf der Erde einsetzen. EPF-Vertreter*innen fordern, dass Frauen das Recht haben sollten, über die Anzahl ihrer Kinder zu entscheiden, und dass ihnen die Aufklärung, die sie benötigen, um dies zu erreichen, nicht vorenthalten werden darf. Diese Forderung steht nicht im Gegensatz zur katholischen Moraltheologie.

Dennoch vertreten das EPF und deren Mitglieder auch Positionen, von denen sich plan:g distanziert; das betrifft z. B. den Umgang mit Verhütungsimplantaten (wie von der Melinda and Bill Gates Foundation ohne ausreichend gesicherte Entnahmemöglichkeit gefördert), frühere Thesen zur Überbevölkerung (z. B. geäußert von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung) oder die Teilnahme der pharmazeutischen Industrie (mit ihren ganz eigenen Marktinteressen).

Gerade deswegen ist der EPF-Hinweis, dass christliche Positionen enggeführt werden und dann nahtlos an rechtspopulistisches und rechtsextremes Gedankengut anschließen, ernst zu nehmen. Die Feststellung der EPF in Kurzform: Klerofaschismus ist ungesund. Der alte Bruno-Kreisky-Vorwurf unterscheidet nicht zwischen politischer Religion und theokratisch orientierter Ideologie. Aber da nicht nur die (vorgebliche) Alternative für Deutschland“ gegen einen imaginierten „Genderwahn“ hetzt, muss sich Kirche und muss sich plan:g mit dem Vorwurf auseinandersetzen. Denn die Rezeption rechtsextremen Gedankenguts durch Christ*innen, die Verfolgung von Homosexualität und die Engführung der Diskussion um Gesundheit und Gender berühren direkt das Mandat von plan:g – Partnerschaft für globale Gesundheit als einer menschenrechtlich arbeitenden Organisation im Gesundheitssektor der Entwicklungszusammenarbeit. In plan:g-Parterländern werde die Menschenrechte nichtheterosexueller Menschen massiv verletzt; dies auch unter Mitwirkung der katholischen Kirche vor Ort.

Darum wünscht plan:g der EPF-Studie innerkirchlich einen großen Leser*innenkreis und eine Debatte. Gendersensible Arbeit (als Genderideologie diffamiert) ist zu einem diskurstötenden Schibboleth geworden. Das können sich in den herausfordernden Zeiten des Wandels weder säkulare Gesellschaft noch Kirche leisten.

Ähnlich wie das Judentum, der Islam oder andere Religionen unterschiedliche Strömungen unter einem Dach versammeln, so „katholisch“ – d. h. allumfassend – ist auch die römisch-katholische Kirche durch zwei Jahrtausende gegangen. Damit das weiter gelingt und sich Kirche nicht in Richtung Spaltung, sondern zum Heil bewegt, ist kircheninterner Dialog notwendig; wichtig ist auch der Dialog mit Akteur*innen wie dem EPF, die offensichtlich ein ungenaues Verständnis von der Komplexität „des Vatikans“ haben. Ohne einen solchen Dialog bestünde die Gefahr, dass sich Teile der Kirche als heiliger Rest einmauern und der Mehrheitsgesellschaft aggressiv-missionarisch natürlicheRichtlinien aufzwingen, die theologisch nicht zu halten sind, krank machen und zur Verfolgung z. B. nichtheterosexueller Menschen führen. Darum ist innerkirchlich der gute Umgang mit dem Schriftwort wichtig: Es ist ein Angebot der ganzheitlichen Evangelisierung im Sinne einer Weihnacht, die Mut zum Wandel macht. 

EPF-Studie-Studie

Das Poster

In vielen Kirchen und Ordinationen hängen fünfmal im Jahr unsere Poster und laden zum Nachdenken über Gesundheit in der Einen Welt ein. Haben Sie Zugang zu einem öffentlichen Ort, wo die Poster auch Beachtung finden könnten? Dann sprechen Sie uns bitte an.



Weil Sie sich für Gesundheit und die Eine Welt interessieren ...

 … haben Sie bis hierher gelesen. Dafür bin ich Ihnen dankbar. Denn die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Krankheit in der Einen Welt sind sehr komplex. In einer sich schnell verändernden Welt ist das Menschenrecht auf Gesundheit immer neuen Bedrohungen  ausgesetzt. Das gilt für die Gesundheit der Ärmsten ebenso wie für uns in Österreich. Darum versteht sich plan:g als Partnerschaft für globale Gesundheit.

Diese Partnerschaft braucht Ihr Mitdenken, Ihr Mithandeln und auch Ihre finanzielle Unterstützung. Werden Sie Teil der Partnerschaft für globale Gesundheit: Mit Ihrer Zahlung machen Sie Gesundheit ansteckend. Das geht schnell. Und mit unserem System sparen Sie die Gebühren der großen Zahlungsanbieter. Danke im Namen des ganzen Teams und im Namen unserer Partnerorganisationen — Pfr. Edwin Matt, Kuratoriumsvorsitzender. 

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