Es gibt Situationen, da wollen wir die Augen zumachen und einfach wegsehen.

Angelunterricht: Nicht immer ist Hilfe zur Selbsthilfe sinnvoll.

Das Elend der Welt ist eine Zumutung: Es gibt Situationen, da wollen wir die Augen zumachen und einfach wegsehen. Es gehört Mut dazu, die Augen offen zu halten und trotzdem hinzuschauen.

Eine herausfordernde Zumutung ist auch der folgende Artikel: Es geht um eine grundlegende und kritische Analyse von Entwicklungs„hilfe“. plan:g stellt sich den programmatischen Herausforderungen der Entwicklungszusammenarbeit: In unseren Projekten wollen wir unseren Möglichkeiten entsprechend Entwicklungszusammenarbeit weiterentwickeln.

Pam Wilson von Operation Mercy www.mercy.se schreibt über einen berühmten Satz. „Gib einem Menschen einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag … Lehr ihn das Angeln und du ernährst ihn für sein ganzes Leben!“

Der Satz hat schon einige Herzen erreicht und viele Portemonnaies geöffnet. In der Entwicklungszusammenarbeit erfreut sich die Idee großer Beliebtheit. Richtigerweise macht der Gedanke auf die zeitliche Beschränkung vieler Hilfsmaßnahmen aufmerksam: Projekte müssen über eine akute Notsituation hinaus wirken. Allerdings beinhaltet das „Sprichwort" wenigstens zehn typische Grundannahmen der klassischen Entwicklungshilfe, die grundsätzlich auf den Prüfstand gehören. 
 

Am 17. August 1999 verloren Zehntausende Menschen in der West-Türkei ihr Leben durch ein verheerendes Erdbeben. Die enorme Verwüstung wurde nicht so sehr durch die Gewalt der Erschütterung, als vielmehr durch die schlechte Bausubstanz verursacht. San Francisco wurde zur gleichen Zeit von einem Erdbeben ähnlicher Stärke erschüttert. Der frappierende Gegensatz: In San Francisco musste niemand sterben. Nach dem Ende der ersten Aufräumaktionen beeilten sich Hilfsorganisationen und ausländische Regierungen, Seminare und Schulungen zur Errichtung von erdbebensicheren Gebäuden durchzuführen. Nur wenige Menschen besuchten diese Veranstaltungen. Man reagierte lethargisch oder sogar mit Verachtung. Warum? Weil türkische Bauunternehmer sehr wohl wissen, wie man erdbebensichere Gebäude errichtet. Selbst die Bauvorschriften in der Erdbebenregion entsprachen in weiten Teilen den strengen kalifornischen Gesetzen. Das Problem war also nicht die mangelnde Bildung – das Problem war die Korruption: Die Menschen starben, weil billig gebaut wurde und Profit höher als Sicherheit bewertet worden war. 

Fazit 1: Wir schauen genau hin.
Natürlich ist gute Ausbildung notwendig und Brain Drain, die massenhafte Abwanderung von ausgebildeten Kräften, ein großes Problem des Gesundheitssektors. Aber Korruption ist auch im Gesundheitswesen eines der größten Entwicklungshindernisse. 

Das bedeutet konkret: Gerade bei der Ausbildungsförderung versuchen wir, Transparenz vorzuleben. Wir unterwerfen uns Standards, lassen uns prüfen und sprechen Probleme an. Alle Projektpartner haben sich vertraglich verpflichtet, Maßnahmen zum Aufspüren von Korruptionsursachen und zu deren Überwindung zu planen, umzusetzen und darüber zu berichten. Das klingt aufwändig. Das ist aufwändig. Und es ist sehr notwendig. Näheres dazu in unserer Korruptionspräventionsrichtlinie. 

Leitlinie Korruptions-Prävention PDF

Servants in Asia ist eine spirituell-biblisch inspirierte Organisation. Das Evangelium soll eine echte Frohbotschaft für die Armen werden. Dazu baute die Organisation früher auf Direkthilfen. Ihre Analyse über die Wirkungen ihrer medizinischen Arbeit auf den Philippinen, in Manila, ist schonungslos ehrlich: „Die Armen baten uns, mildtätige Direkthilfen zu beenden. Sie argumentierten, dass unsere Hilfsmaßnahmen soziale Beziehungen belasteten und die Gemeinschaft aushöhlte. Anders gesagt: Die sozialen Auswirkungen all unserer Programme stellten sich als schädlich heraus. Unser individueller Zugang zur Gesundheitsfürsorge – bei der wir eine Person gegenüber einer anderen bevorzugen mussten – ließen Eifersucht und Missverständnisse entstehen. Unser Zugang „von oben nach unten“ entfremdete die Armen voneinander. Sie fühlten sich nicht als aktiver Bestandteil der Gesundheitsfürsorge in ihrer Gemeinschaft. Sie waren lediglich Nutznießer eines Verfahrens, das sie in keiner Weise mitgestalten konnten. Mit der Durchführung des Projekts hatten sie fast nichts zu tun. Das war in geistig-seelischer Hinsicht erniedrigend für sie. Indem wir einige körperliche Leiden heilten, vergifteten wir ihre Seelen.“ (Nicholls, Bruce J. and Wood, Beulah R. Sharing Good News with the Poor. Grand Rapids, MI: Baker Book House and Carlisle, Cumbria: Paternoster Press, 1996, S. 183) 

Fazit 2: Einzelfallhilfen nur in Ausnahmefällen.
Schon der Talmud (Sanhedrin, 23a–b) und auch der Koran (5,32) lehren, „wer einen Menschen rettet, rettet die Welt“. Darin liegt eine große spirituelle Wahrheit und Weisheit. Aber wenn Einzelfallhilfe zur Regel wird, kann diese Wahrheit und Weisheit pervertiert werden. 

Konkret bedeutet das zum Beispiel: plan:g verzichtet auf die Spendenform der Einzelkinderpatenschaft. Stattdessen laden wir Sie dazu ein, mit Übernahme einer Ausbildungspatenschaft junge Erwachsene in die Lage zu versetzen, ihre Ausbildungssituation strukturell zu verbessern. Näheres dazu in unseren Patenschaftsinformationen.

Im Sprichwort hat der Lehrer Angelmöglichkeiten entdeckt. Wenn er nun den Anwohnern das Fischen beibringen will, geht er davon aus, dass die am See lebenden Menschen ihre Chance nicht begriffen haben: Aus Sicht des Lehrers haben sie sich ihrer Lebensumgebung noch nicht genügend angepasst.
Kenianische Massai erzählen gerne die Geschichte der britischen Kolonial-Legende Lord Delamere. Der Lord entdeckte während eines Besuchs nördlich von Nakuru reichhaltiges und saftiges Grasland. Er wunderte sich, warum die Massai gerade dort kein Vieh weideten. Also beschloss Lord Delamere, eine Beispielfarm aufzubauen. Er investierte ein Vermögen in den Import englischen Viehs, das er in der Gegend weiden ließ. Und dann musste die britische Kolonial-Legende die Erfahrung machen, dass ausgerechnet dem Gras in diesem Teil des Rift Valley ein wichtiges Protein fehlt, was zu einer geringen Milchproduktion und zum Verenden der meisten Kälber führte. Jedem Massai-Kind war das schon vorher klar gewesen – aber nie war jemand gefragt worden. (Myers, Bryant. Walking With the Poor. Maryknoll, NY: Orbis Books, 1999, S. 144).

Fazit 3: Wir stellen Fragen. Und hören zu.
Wir verteilen keine Almosen. Viel eher sind wir eine spezialisierte Organisationsberatung. Die in Gleichwürdigkeit berät. So bringen wir Menschen zusammen, die sich sonst nicht begegnen. Dabei beschränken wir uns regional und sektoral. Auch in unserem dergestalt eingeschränkten Arbeitsfeld sind wir nicht „Doktor Allwissend“: Wir verstehen uns eher als Dirigent eines Orchesters unterschiedlicher Fachleute. 

Das bedeutet konkret: Wir arbeiten mit dem Schwerpunkt Süd-Süd-Austausch in Ostafrika und der Region arabische Staaten. Wir sind keine Mediziner*innen oder Pflegekräfte, sondern konzentrieren uns als Berater und Beraterinnen auf die Stärkung der Gesundheitssysteme (Primary Health Care). Näheres dazu unter vernachlässigten Tropenkrankheiten.

Vor der Kolonialisierung pflanzte fast jede südamerikanische Familie ihre eigenen Nahrungsmittel an. Wenn doch einmal eine Familie Hunger litt, lag das an persönlichen Problemen oder vielleicht auch an sozialen Missständen wie dem Alkoholismus. Im kolonialen oder postkolonialen Kapitalismus gilt das Primat der Selbstversorgung nicht mehr: Auf den Ackerflächen werden weniger Nahrungsmittel als vielmehr „Cash Crops“ angebaut. „Cash Crops“ sind die Marktfrüchte der exportorientierten Landwirtschaft wie Kaffee, Kakao oder Tee. Wenn die internationalen Handelspreise für diese Früchte sinken, können sich die Menschen keine Lebensmittel mehr kaufen. Viele Hungersnöte in der nichtwestlichen Welt sind heute diesem Phänomen der fehlenden Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung zuzuschreiben. Niedrige Handelspreise für Marktfrüchte kommen multinationalen Handelsunternehmen zugute. Aber auch Hilfsorganisationen können Projekte planen, die nicht nachhaltig angelegt sind und dann Hunger verursachen. 

Fazit 4: Wir sind uns bewusst, dass wir in ungerechte Wirtschaftsbeziehungen verstrickt sind. 
Als Leprahilfswerk, das in den Anfangsjahren die eigene Betroffenheit in einer drastischen Bildsprache an die Unterstützerkreise weitereichte, wissen wir: Wo eher auf Emotionen, individuelle Beziehung und Betroffenheit denn auf sachliche Information gesetzt wird, fließen die Spenden reichlich. Aber es kommt dann zwangsläufig zu überfinanzierten „Leuchtturmprojekten“ ohne wirkliche Anbindung an die Gesundheitsversorgung. Im Partnerland wirken solche Spenden nicht. Und in Österreich verkommt „Hilfe“ zu einem weiteren Konsumangebot. 

Das bedeutet konkret: Wir verzichten bewusst auf klassische Instrumente der Spendenwerbung wie die „Verdinglichung von Hilfe“ in einem Spendenshop: weil ein Moskitonetz zwar gegen Malaria schützt, aber nicht für drei Euro zu haben ist. Denn das Netz muss nicht nur gekauft, sondern an die richtige Person ausgeteilt werden; es muss imprägniert und fachgerecht reimprägniert werden. Uns geht es um eine neue, politischere Spendenbeziehung. Es geht um Verzicht und Veränderung auch bei uns. Näheres dazu im Jahresbericht mit dem Strategiethema „Nachhaltigkeit“ und in der Broschüre „Stifte, die wirken“.

Das Beispiel des türkischen Erdbebens zeigt, dass die Korruption oft mächtiger als Rechtsstaatlichkeit ist. Machtlosigkeit ist eine der wichtigsten Wurzeln von Armut. Besonders im städtischen Bereich leiden Arme nicht so sehr an materieller Armut als vielmehr an Armut in Folge von Ausgrenzung und wirtschaftlicher Ausbeutung. Ressourcen sind begrenzt. Wenn sich mächtige Menschen zusammentun, können eine Handvoll Personen den größten Teil nationaler Ressourcen für sich in Anspruch nehmen. Armen wird der Zugang zur wirtschaftlichen Teilhabe systematisch verwehrt (Linthicum, Robert. Empowering the Poor. Monrovia, CA: MARC, 1991, S. 37). Die Entwicklungszusammenrbeit unterliegt einem Irrtum, wenn in solchen Situationen vorausgesetzt wird, dass allein die Ausbildung benachteiligter Menschen diesen automatisch die wirtschaftliche Freiheit eröffnet. 

Fazit 5: Wir arbeiten menschenrechtsorientiert.
Die Menschenrechtsorientierung ist eine tägliche Herausforderung auf verschiedenen Arbeitsebenen. Bei der Menschenrechtsarbeit geht es uns um Verfügbarkeit, Würde, Zugang und Qualität als Schlüsselbestandteile des Menschenrechts auf Gesundheit. 

Das bedeutet konkret: Zusammen mit Kranken und mit Gesundheitseinrichtungen machen wir die Akteure im Gesundheitsbereich „fitter, gesünder und abwehrstärker“: Es geht um die Stärkung von individuellen Kompetenzen, um bessere Organisationsentwicklung, um die Vernetzung von Menschen und um die politische Ebene. Damit wir gehört werden, arbeiten wir mit einer Reihe von anderen Organisationen unseres Arbeitsfelds partnerschaftlich zusammen. Näheres dazu in der Broschüre zum Menschenrechtsansatz.

Der Mensch lebt nicht vom Fisch allein: Er muss für Kleidung und Wohnung sorgen und für die Kosten der Wasser- und Energieversorgung, für die medizinische Betreuung und für andere Güter und Dienste aufkommen. Das gilt auch für Menschen, die in ländlichen Gebieten leben. Wenn ein Fischer seinen Fisch nicht verkaufen oder nicht gegen andere benötigte Dienstleistungen und Güter eintauschen kann, sind die neue Angel und die Fähigkeit zum Fischen allenfalls eine Teillösung seiner wirtschaftlichen Probleme. Darum muss eine nachhaltig angelegte Entwicklungszusammenarbeit „über die Angel hinausdenken“, sich zusammen mit den Fischern z.B. um Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Marktanalysen kümmern.

Fazit 6: Wir nehmen Nachhaltigkeit als Herausforderung an.
Der Bau eines Krankenhauses, das nicht nachhaltig betrieben werden kann, ist nicht sinnvoll. Genauso wenig sinnvoll ist es aber, wenn die Tagegelder von Schulungen als Lohnbestandteil betrachtet werden. Dann werden Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Markanalysen erstellt, weil das Geld bringt: In vielen Teilen der Welt werden Schulungsteilnahmen als Belohnung missverstanden. Oder andere Maßnahmen durchgeführt, nur weil sie abgerechnet werden können.

Das bedeutet konkret: Wir zahlen keine „sitting allowances“, keine Prämien für Schulungsteilnahmen. Diese Praxis ist weitverbreitet. Unsere Position wurde von einigen Partnern zunächst als ein Affront verstanden. Aber wir lassen der Veränderung Zeit. Wir evaluieren unsere Arbeit in gemeinsamen Bestandsaufnahmen, die Raum zum Nachdenken lassen (Reviews). Wir wissen, dass wir vor Fehlern nicht gefeit sind. Doch wir schauen genauer hin und entscheiden uns für Maßnahmen und Projekte, von deren langfristigem Sinn wir überzeugt sind.

Damit Fischer angeln können, muss es Fische geben: Wenn das Überleben einzig und allein vom Angeln abhängt, ist das Überleben der Gemeinschaft sofort bedroht, wenn das Gewässer nicht mehr genügend Fisch liefert. In solchen existenzbedrohenden Situationen kann es dazu kommen, dass sich allgemein anerkannte gesellschaftliche Werte verschieben. Ein Beispiel dafür ist Kinderprostitution: „Wenn das nackte Überleben bedroht ist, kann Kinderprostitution zu einer sozial akzeptierten Strategie werden.“ (Bradshaw, Bruce. "Empowering Communities to Enhance Survival Strategies." Taken from Sexually Exploited Children: Working to Protect and Heal. Monrovia, CA: MARC, 1998, S. 68). Wenn sich eine zu kurzsichtig ansetzende Entwicklungsarbeit in einer solchen Situation auf die Bewusstseinsveränderung und den Wertewandel versteift, verkennt sie die ökonomische Begründung von Wertesystemen: Oft sind diese Systeme Teil von Überlebensstrategien – oder ein Ergebnis fehlerhafter, nicht nachhaltig geplanter Entwicklungsprozesse. 

Fazit 7: Wir ehren unsere Wertmaßstäbe.
Und reflektieren sie so wie die Art unseres Sprechens. Unsere Wertmaßstäbe sind klar: Sie liegen in unserer Verfasstheit als katholischer Stiftung begründet. Sie kommen unter anderem aus dem Dekalog (Ex 20), dem Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37–40) oder der Bergpredigt (Mt 5). Unsere Werte sind für uns eine Befreiung. Wir erkennen an, dass andere Menschen andere Wertvorstellungen haben, sehen aber die Gemeinsamkeiten. Das oben genannte Beispiel ist das schockierende, aber nicht ungewöhnliche Beispiel eines Armutsverbrechens. Ein solches Verbrechen schildert Friedrich Schiller in seiner Erzählung »Der Verbrecher aus verlorener Ehre“. Schiller erklärt in seiner Vorrede ein Problem, das uns auch in der Entwicklungszusammenarbeit begegnet: Wer liest, lebt und liest in einer völlig anderen Welt als der im Buch dargestellte Wilddieb und Mörder. Nach Schiller entsteht eine Lücke, die ein Hineindenken in die Welt des Mörders zu einer erzähltheoretischen Herausforderung macht. Schiller will diese Lücke schließen, um einen Menschen, kein Monster zu beschreiben. 

All das bedeutet für uns konkret: Wir erkennen an, dass wir in zwei Welten arbeiten. Schiller bietet dem Leser zwei mögliche Lösungen für sein erzähltheoretisches Problem. Die reißerische Emotionalisierung der antiken Rhetorik und zeitgenössischer Kriminalreportagen. Oder die möglichst sachliche und kühle Schilderung, die „die Freiheit des republikanischen Publikums nicht beleidigt“. Spendensammelnde Organisationen sind auch erzählende Organisationen. In unserer Spendenkommunikation wählen wir wie Schiller die zweite Option.

AIDS-Fachleute erfahren in vielen Kulturen die Macht der Tradition. Menschen sterben nicht aufgrund von Unwissen oder amoralischem Verhaltens, sondern auch aufgrund von Traditionen. So gehörte es zur Tradition der Menschen im nordugandischen Rakai, dass eine Frau eher mit dem Stamm als mit einem einzelnen Mann verheiratet ist. Deshalb hatte eine Braut in dieser Kultur Geschlechtsverkehr mit allen Brüdern ihres Ehemannes, bevor sie in der Öffentlichkeit als verheiratete Frau erschien. Entwicklungsarbeiter, die von dieser Praxis abrieten, wurden des Imperialismus und der versuchten Zerstörung der Rakai-Kultur bezichtigt. Letztlich hat aber nicht die Entwicklungshilfe, sondern die eigene Tradition die Rakai vernichtet: Alle Rakai im Alter zwischen 15 und 50 Jahren starben an AIDS.
Tradition kann notwendige gesellschaftliche Anpassung verhindern. Traditionen können Brunnen- und Dammbauten verhindern und haben zum Hungertod von Kindern in vielen Kulturen rund um die Welt beigetragen. Tradition und Kultur sind starke Kräfte, die vor der Einführung jedes Entwicklungsprogramms verstanden werden müssen. 

Fazit 8: Wir achten kulturelles Erbe.
Aber wir überbetonen es nicht. Denn Tradition heißt: „Das Feuer zu hüten – und nicht, die Asche zu bewahren“ (Papst Johannes XXIII., wohl nach Thomas Morus). Wir arbeiten wertebasiert als katholische Organisation der Entwicklungszusammenarbeit. Das hilft uns, Balance zwischen Tradition und Veränderung zu halten. Eine Tradition, die Albinokinder tötet, ist nicht hinzunehmen. Auch erfundene homophobe Traditionen, die durch von der Lepra bekannte Exklusions- und Stigmatisierungsprozesse politische Macht legitimieren sollen, akzeptieren wird nicht. 

Das bedeutet für uns konkret: Wir arbeiten in uns gut bekannten Gegenden der Welt. Nur so sind wir überhaupt in der Lage, Diskussionen um Kultur und Tradition zu führen. Wir führen diese Diskussionen offen – auch in der Bereitschaft, uns selbst berühren und verändern zu lassen. Diese Bereitschaft erwarten wir auch von unseren Partnern, die sich vertraglich dazu verpflichten, mit uns über die Menschenrechte zu sprechen. Näheres dazu z.B. in der Kindesschutzerklärung.

Die Geschichte der Yir Yoront ist ein klassisches Beispiel westlicher Ignoranz geschlechtsspezifischer Sozialhierarchien. In den 1950er-Jahren hatte eine Gruppe von Missionaren bei den Yir Yoront – einer Gesellschaft von Ureinwohnern in Australien – Äxte aus Stahl eingeführt. Als Erste hatten sich die Machtlosesten der Gesellschaft – Frauen und Jugendliche – mit den Missionaren angefreundet. Darum waren es eben diese Gruppen, die zu den ersten Nutznießern der neuen Werkzeuge wurden.
In der Kultur der Yir Yoront hatten Frauen und Jugendliche aber keinen Zugang zu Äxten. Es waren die Stammesälteren, welche Steinäxte zur gemeinschaftlichen Verwendung verwahrten. Die Nutzung der Äxte war klar geregelt. Das soziale Gefüge des sehr isoliert lebenden Stammes war auf diesen Regeln aufgebaut – und fiel mit der massenhaften Verteilung der Metalläxte in sich zusammen. Nicht nur der Respekt und die soziale Struktur waren davon betroffen. Die Frauen hatten erheblich mehr Freizeit. Darauf konnte sich die Gesellschaft nicht schnell genug einstellen; die plötzliche Arbeitslosigkeit und der plötzliche Machtzuwachs der Frauen bewirkten eine extreme Zunahme der Promiskuität und des Alkoholismus.

Fazit 9: Wir beziehen Position in der Debatte um Gender.
Bei Geschlechterbeziehungen geht es um Machtfragen. Diese Machtfragen werden heute, in einer Phase großer gesellschaftlicher Umbrüche, völlig neu verhandelt. Frauen treten selbstbewusst auf und fordern ihren Teil der Welt ein. Das ist keine „Ideologie“, sondern eine Chance. Dabei geht es uns nicht um die Negierung angeborener Unterschiede – im Gegenteil.

Konkret bedeutet dass: Wir sprechen mit unseren Partnern über Gendergerechtigkeit. Weil das ein Menschenrecht ist. Auf einer politischen Ebene fordern wir, dass neu zuzulassende Medikamente nicht nur an Männern, sondern in Anerkennung biologischer Unterschiede auch an Frauen getestet werden, deren Organismus Medikamente oft grundsätzlich anders metabolisiert. 

Weitere Informationen zum Thema Gender finden Sie hier:
Gleichberechtigung: Definition und Verständnis aus Sicht der CIDSE 
Gender.ismus?

„Ohne Vision geht das Volk unter.“ (Spr 29:18) Das hebräische Wort ‚para‘, das hier mit ‚untergehen‘ übersetzt wird, bedeutet auch ‚dem Nichts ausgesetzt werden‘, ‚abgelehnt werden‘, ‚seiner Würde und Tradition beraubt werden‘. Und ohne gesellschaftliche Teilhabe sind Ausbildung und Entwicklung hohl, von kurzer Dauer und ohne Nachhaltigkeit. Um welche Teilhabe geht es? Nicht um das bloße Absitzen einer Lehrveranstaltung zum Thema „Fischen 101“. Echte Teilhabe beginnt damit, dass Menschen ihre eigenen Bedürfnisse identifizieren, ihre eigenen Risiken, Ideen und Mittel analysieren und ihre eigenen Programme leiten und durchführen. 

Fazit 10: Wir laden Sie zur Teilhabe an Veränderung ein.
Entwicklungszusammenarbeit im Gesundheitssektor bedeutet: Zusammenarbeit. Krankheiten lassen sich nicht von Grenzen aufhalten. Krankheiten wie die Lepra sind Armutsindikatoren. Sie lassen sich nur überwinden, wenn Veränderung im Süden und im Norden dieser Welt stattfindet. Diese Veränderung ist eine Chance. Wir möchten diese Chancen mit Ihnen finden und nutzen. 

Konkret bedeutet dass: Wir bemühen uns, Projekte nachhaltig anzulegen. Dabei müssen wir immer wieder Kompromisse machen. Kompromisslos sind wir in unserer Forderung, auch uns selbst in Österreich zu verändern. Dazu gehört der Bezug von Ökostrom, der Verzicht auf chemische Putzmittel, der Verzicht auf unfaire Schokolade oder Kaffee, keine innereuropäischen Flüge. Dabei gewinnen wir viel: ein sauberes Büro ohne Chemie, die umweltfreundlichsten Mailings Österreichs, Arbeitszeit im Zugabteil. Partnerschaft mit Ihnen: Danke.

 
Die „Annahmen“ wurden mit freundlicher Genehmigung von Pam Wilson (Operation Mercy, Koordinatorin internationale Programme) übersetzt. 

Hilfe zur Selbsthilfe bleibt ein gültiges Paradigma. Pam Wilsons Artikel zeigt aber, dass die Entwicklungszusammenarbeit weiter und selbstkritischer denken kann. 
Das gilt selbstverständlich auch für unsere eigene technisch-wissenschaftliche Kulturen und deren Entwicklungs-Paradigmen. Unsere Kultur hat z.B. zur Klimaerwärmung oder dazu geführt, dass der Mensch Verantwortung für die Beaufsichtigung von Atommüll übernommen hat. Wahrscheinlich ist es eine kulturelle Fehleinschätzung, dass der Mensch in der Lage sein wird, über einen Zeitraum von mehreren 100.000 Jahren diesen Atommüll zu beaufsichtigen. Wir haben noch nicht gelernt, mit den negativen Folgen unseres Entwicklungserfolgs umzugehen. Erfolgreiche Entwicklung bedeutet, die eigene Kultur kritisch zu reflektieren. Das erfordert ein strategisches Um- und Weiterdenken.

Basis unserer Strategieentwicklung

Gesundheit und Entwicklung sind zwei Seiten einer Medaille. Ein großer Teil der Menschen auf unserer Erde lebt in größter Armut: Schlechte Lebensbedingungen wie verunreinigtes Wasser, Unterernährung und katastrophale Wohnverhältnisse sind für etwa 1,6 Milliarden Menschen bitterer Alltag. Kriege und Naturkatastrophen verschärfen die Armutssituation. Eine Folge dieser Armut sind zahlreiche Krankheiten – beispielsweise Lepra und Tuberkulose. Krankheiten, die in den reichen Industrienationen selten geworden sind und deshalb vernachlässigt werden. 

Die Grundlagen unserer Strategie stellen wir an unterschiedlichen Stellen dieser Webseite vor. Strategie verstehen wir weniger als Werkzeug denn als Leitbild. Denn wir schließen auf unterschiedlichen Ebenen an unterschiedliche Strategien an. Dazu gehören beispielsweise der Menschenrechtsansatz, das gender-mainstreaming, die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Weltgemeinschaft oder die ILEP-Strategie zur Überwindung der Lepra. Auf dieser Seite möchten wir in die Diskussionen um diese Strategien einführen und damit unsere Positionen und Arbeitsweisen offen legen. Es sind Positionen und Arbeitsweisen einer katholischen Organisation der Entwicklungszusammenarbeit, die im Gesundheitssektor wirkt.